Phillip Boa and the Voodooclub play songs from "Earthly Powers" + SINGLES

ist genau das Album, das jetzt kommen musste. Ein großes Statement. "Eine Reminiszenz an diese Kunstform, wohlwissend, dass sie vom Aussterben bedroht ist", sagt Boa. Produziert hat Ian Grimble, Londoner, bekannt für seine Arbeit für die Manic Street Preachers oder Mumford & Sons. "Ian kriegt diesen zeitlosen britischen Sound hin, den ich schon immer geliebt habe", sagt Boa.

Die Platte beginnt – Fans kennen das – mit einem Hit. Die Single A Crown For The Wonderboy hat knackige Gitarren, eine 1a-Refrainmelodie – und erzählt vom Egoismus dieser Tage, vom Zwang der ständigen Selbstoptimierung und Selbstinszenierung. Boa-Fans fühlen sich direkt heimisch auf dieser Platte, doch Boa führt die Hörer in neue Räume. Cowboy On The Beach klingt lässig und episch, Boa findet als Sänger einen neuen Erzählton, seine Vocals sind weicher, bieten mehr Nuancen. "Ich habe mir die Zeit genommen, mich als Sänger noch einmal weiterzubilden", sagt er. "Ich hatte den Eindruck, die neuen Songs verlangen danach." Als Produzent Ian Grimble den Song im Kasten hatte, sagte er: "Dies ist der Nick Cave-Moment." Boa sagt, er könne mit diesem Vergleich sehr gut leben.

Während auch das treibende The Wrong Generation das verschenkte Leben vieler seiner Zeitgenossen kritisiert, erzählt Nightclub Flasher von einem Typen, den Boa früher kannte: "Der ist auf einem falschen Acid-Trip hängen geblieben, führte ein paralleles Leben." Das Stück leiht sich den Beat beim Northern Soul, die Melodie beim Britpop der 90er: definitiv ebenfalls ein Hit! Sehr persönlich, beinahe intim wird es auf Drown My Heart In Moonshine, Boa erinnert sich an eine Zeit, in der er viel trank, durch die Straßen zog – auch, um von den Erwartungen zu flüchten. "Das war nicht wirklich gesund, aber ich habe dieses Umherwandern in den Straßen auch als Freiheit empfunden." Der Song wird dieser besonderen Atmosphäre gerecht, ist eine dieser großen Boa-Balladen wie die Klassiker "Ernest Statue" oder "Pretty Bay". "Mir sind solche Stücke länger nicht mehr gelungen, ich bin glücklich, dass es nun wieder geklappt hat." Und zwar nicht nur einmal: Auch Strange Day After The Rain und Cruising besitzen enormen Tiefgang, nehmen sich Zeit. "It's a privilege to feel free", singt Boa bei Cruising, eine Zeile für die Ewigkeit. Der Sprechgesang auf Moonlit erinnert an die großartige Vortragsweise von Blixa Bargeld, Chas And Billy Ray erzählt von zwei alten Rockern, wie Boa sie in seiner Londoner Heimat (er wechselt zwischen London und seiner Geburtsstadt Dortmund) häufiger beobachtet: Typen, die einfach nicht mit der Musik aufhören wollen, auch wenn die Läden immer kleiner werden und die Fans langsam wegsterben. "Die beiden träumen aber einfach weiter – mich fasziniert diese trotzige Hartnäckigkeit."

Je tiefer man in die Welt von EARTHLY POWERS eintaucht, desto intensiver werden die Begegnungen mit diesen fiktiven Charakteren und Erinnerungen. Phillip Boa hat sein Ziel erreicht: Das Album funktioniert wie ein Roman. Wie ein Werk von Thomas Pynchon oder eben Anthony Burgess: Man hat Lust auf die Story, lernt etwas über Geschichte, Gegenwart und sich selbst – ohne wirklich alles zu verstehen. "Das muss auch gar nicht so sein", sagt Boa. "Fünf Prozent sollten immer mysteriös bleiben." So wie die Dirty Raincoat Brigade im letzten Song einer Platte, die Phillip Boa & The Voodooclub auf einen neuen künstlerischen Gipfel führt. Und das mit Album Nummer 19! Dass muss Boa erst mal jemand nachmachen.

© André Boße
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